Lee “Scratch” Perry • Mouse On Mars – Spatial, No Problem.
Als der jamaikanische Dub-Großmeister Lee „Scratch“ Perry im August 2021 im Alter von 85 Jahren verstarb, hinterließ er ein beispielloses akustisches Erbe – und eine Flut von posthumen Veröffentlichungen, die alle von sich behaupteten, sein „letztes“ Werk zu sein.
Mit Spatial, No Problem. liegt nun jedoch ein Projekt vor, das auf eine legendäre, fast mythische Session im Berliner Paraverse Studio im Dezember 2019 zurückgeht.
Das deutsche Elektronik-Duo Mouse On Mars (Jan St. Werner und Andi Toma) traf hier auf einen Perry in absoluter kreativer Spiellaune. Auf die Frage, ob er mit dreidimensionalem Raumklang vertraut sei, grinste Perry nur und entgegnete: „Spatial? No problem.“ – der Albumtitel war geboren.
Das Ergebnis ist kein weichgespültes Nostalgie-Projekt, sondern ein kompromissloses, avantgardistisches Freak-Out-Album, das den Geist des „Upsetter“ perfekt einfängt.
Wer klassischen, basslastigen Roots-Reggae oder klassischen Studio-One-Vibe erwartet, wird hier direkt vor den Kopf gestoßen.
Mouse On Mars sind seit über 30 Jahren für ihre dekonstruierten, glitchigen und hyperaktiven IDM-Strukturen bekannt. Statt Perry in ein traditionelles Dub-Korsett zu zwängen, lassen sie seine dadaistischen Wortspiele, sein Murmeln, Husten und Rappen über ein futuristisches, flimmerndes Sound-Mosaik laufen.
Der Sound ist ein Fiebertraum aus analogen Instrumenten, digitalen Fragmenten und Field Recordings. Letztere steuerte Kulturwissenschaftler Louis Chude-Sokei bei, der unter anderem Klänge von den Ruinen von Perrys legendärem Black Ark Studio in Jamaika in die Textur einwob.
„Rockcurry“: Die Vorabsingle reitet auf einem zickigen, fast post-punkigen Dance-Rhythmus, der überraschend stark an die frühen B-52s erinnert. Perry zerlegt hier Worte mit gewohnter Exzentrik, während die Elektronik um ihn herum Haken schlägt.
„State Of Emergency“: Ein epischer, fast sakraler Moment des Albums, der mit einem wuchtigen Chor arbeitet und zeigt, wie viel emotionale Tiefe in diesem scheinbaren Chaos steckt.
Spatial, No Problem. funktioniert deshalb so verdammt gut, weil es Lee „Scratch“ Perry nicht museal verwaltet. Das Album klingt frisch, unvorhersehbar und schmerzhaft lebendig. Es fängt die reine, ungezähmte Energie einer Session ein, bei der gekocht, gelacht und Wände mit Edding bemalt wurden.
Mouse On Mars haben Jahre gebraucht, um dieses Material zu sichten und final zu formen. Das Warten hat sich gelohnt: Es ist ein absolut stimmiges, detailverliebtes Spätwerk, das beweist, dass Perrys Geist auch in den Schaltkreisen moderner Digitalsynthesizer spukt. Ein algorithmischer Voodoo-Trip, der im besten Sinne fordert.
Songs
1. Rockcurry
2. Hallo Shiva
3. Economic Train
4. Spatialee
5. Fire Dali
6. Yayaya
7. To The Rescue
8. State Of Emergency
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